Freitag, 16. Januar 2015

Stups und Moni - Leseprobe

Es ist für mich schwierig, eine Leseprobe einzustellen. Nicht technisch, dazu reicht es gerade noch. Ich kann mich einfach nicht entscheiden. :)
Ich will mich nicht entscheiden. ;)
Ich muss mich entscheiden. :(



Okay, ich entscheide mich für eine Szene aus dem 2. Kapitel.
Alles ist eingeschneit und das Wolfskind Stups trifft das Menschenkind Moni, das sich verirrt hat. Beide beschnuppern sich ...







Das Menschenkind saß auf einem Stein, dessen Kuppe aus dem Schnee ragte. Es umschlang seinen Körper mit den Armen, um das Zittern einzudämmen. Im Moment wusste der Kleine nicht, ob es von der Kälte herrührte oder ihn die Furcht vor dem Wolfsjungen schaudern ließ. Ihm war elend zumute, und er fühlte sich verlassen und schwach. Nicht einmal an seinen Namen konnte er sich mit Sicherheit erinnern, erst recht nicht, wie er in diese eisige Einöde gekommen war.
Er wagte nicht, sich zu rühren und schaute den kleinen Wolf ängstlich aus großen Augen an. Als dieser plötzlich zu sprechen begann, war er nicht einmal erstaunt.
„Wer bist du denn?“, fragte das Tier. Seine Stimme zitterte, doch es setzte sofort nach: „Und bleib bloß, wo du bist, sonst kannst du was erleben!“
Der Junge hätte sich auch ohne diese Drohung nicht bewegen können. Vermutlich bin ich hier festgefroren, dachte er betrübt. Der Wolf blickte ihn unverwandt an, er erwartete sicher eine Antwort. Was sollte er sagen? „Ich bin … das verrate ich dir nicht.“
„Was machst du hier?“ Die Stimme sollte wohl gruselig klingen, es hörte sich aber an, als würde man über raues Sandpapier schaben. „Das ist mein Revier!“
„Behestimmt …“, stotterte das Kind, „behestimmt sagst du gleich, dass ich Blumen pflücken soll.“
„Blumen pflücken? So ein Quatsch! Sieh dich mal um, hier ist überall Schnee.“ Unwillig schüttelte der kleine Wolf den Kopf.
Stimmt, sagte sich der Junge und meinte: „Wenn meine Großmutter jetzt hier wäre ...“ Er stockte und lauschte. Fast meinte er, ihre warme, ruhige Stimme zu hören. Doch er wusste, dass er irrte. Gleich fühlte er sich noch mutloser und einsamer.
„Blumen? Großmutter? Was bist du denn für ein verrückter Kerl?“, fragte der Wolf verwundert. Seine dunklen Augen blitzten neugierig. Der Junge wusste nicht, was er darauf sagen sollte. War er verrückt? Vielleicht, denn er konnte sich an nichts mehr erinnern. In seinem Kopf herrschte traurige Leere. Als der Wolfsjunge ihn weiterhin herausfordernd anschaute, meinte er: „Du willst mich bestimmt fressen, so wie Rotkäppchen!“
„Wer ist nun wieder Rotkäppchen?“
„Das hat mir meine Oma erzählt“, erwiderte er, der mittlerweile vor Kälte schlotterte. Vielleicht auch vor Angst.
Der Wolf sah verwirrt aus, anscheinend konnte er weder mit Rotkäppchen noch mit der Großmutter etwas anfangen. „Wie heißt du denn? Nun sag schon!“, forderte er energisch.
Der Bub überlegte lange. Sollte er diesem fremden Wesen seinen Namen sagen? Er war sich nicht sicher, wie er hieß. Als er seinen Blick hob, sah er den Mond, der langsam hinter den fernen Hügeln aufging. Dieses Bild kam ihm vertraut vor. Kannst du mir nicht sagen, wer ich bin, lieber Mond?, flehte der kleine Junge in Gedanken. Du musst mich kennen, ich habe dich auch schon gesehen! Statt eine Antwort zu geben, verschwand der Mond sofort hinter einer riesigen Wolke. Moni, überlegte der Junge, dann heiße ich eben Moni.
„Moni, glaub ich.“ Dabei trieb es ihm die Tränen in die Augen. Tatsächlich hatte er fast alles vergessen. Nur eines wusste er sicher: Seine Großmutter hatte ihm immer Märchen erzählt.
Die Augen des Wolfskindes wurden auch feucht, was Moni erstaunte. Konnte es sein, dass der Kleine mitfühlte? Der Moment war rasch vorbei. Der Wolf schüttelte sich, als wolle er alle trüben Gedanken abstreifen. „Du, Moni, wo ist denn dein Menschenrudel?“, fragte er.
„Ich weiß nicht. Mir ist so kalt, ich kann gar nicht richtig denken.“
Der Wolf betrachtete ihn kritisch. „Kein Wunder, dass du frierst. Du hast ja kein Fell. Selbst mir ist kalt.“
Moni hatte nur eine Hose und eine Jacke an. Auf dem Kopf trug er eine rote Wollmütze und dazu einen Schal in der gleichen Farbe um den Hals. All das wärmte wahrlich nicht wie ein gutes Wolfsfell.
„Eine Frage habe ich immer noch“, holte der Wolf aus. „Wer oder was ist Rotkäppchen? Ist es auch hier?“ Der Junge zögerte mit der Antwort, aber dann sprudelte es aus ihm heraus: „Kennt jeder. Rotkäppchen ist ein Mädchen. Es hat die Großmutter besucht. Ein Wolf hat zuerst die Alte und danach das Mädchen gefressen. Und …“ Den Rest der Antwort schluckte er schnell hinunter. Es kam bestimmt nicht so gut an, wenn er auch von dem Jäger erzählte.
„Ha ha ha!“ Laut lachend rollte sich der Wolf im Schnee. „Wenn dir die Großmutter die Geschichte aus dem Wolfsbauch erzählt hat, war der Wolf bestimmt von Beruf Bauchredner. Außerdem fressen wir keine Großmütter, so ein Blödsinn!“
„Nein? Wieso denn nicht?“ Moni war erstaunt. „Ach, und es war Rotkäppchens Oma und nicht meine.“
„Ist doch klar. Das Fleisch ist viel zu alt, um es zu fressen.“ Das klang logisch. Dieser Wolf war richtig klug und konnte so toll lachen. So langsam fasste der Junge Vertrauen. Der würde ihn wohl nicht fressen, auch wenn er kein altes Fleisch war. Trotzdem beschloss er, vorsichtig zu sein.
„Und wie heißt du?“
„Ich bin Stups.“
„Das ist ein schöner Name!“, erwiderte Moni bewundernd. Für einen Moment sah Stups richtig stolz aus. Dann meinte er: „Was mache ich mit dir? Hierbleiben kannst du auf keinen Fall, du würdest erfrieren. Oder verhungern, denn hier gibt es nichts Essbares. Nicht einmal ein Hase hoppelt durch den Schnee, und du siehst nicht aus wie ein guter Jäger.“
Moni schwieg, wusste nicht, was er sagen sollte, denn zweifelsohne hatte Stups recht.
„Du, Moni“, meinte der, „ich kann dich vielleicht zu meinem Rudel mitnehmen.“ Nachdenklich hielt er inne. Der Junge schaute ihn gespannt an. „Meinst du?“, fragte er.
„Ja“, antwortete Stups, „du bist hier ganz allein, da kann dir Schreckliches geschehen.“
Moni hatte den Worten des Wolfes aufmerksam zugehört. Es war trostlos hier. Außerdem erinnerte er sich nicht, woher er gekommen war. Aber zu den Wölfen gehen? Die würden ihn vermutlich fressen, dann konnte er auch hier erfrieren. Er zögerte mit seiner Antwort, war unsicher. Plötzlich hatte er eine Idee.
„Stups, können wir mich vorher zum Großvater machen?“
„Wieso denn das?“, lachte Stups vergnügt. „Hast du schon mal einen Großvater gesehen, der kaum einen Meter groß ist?“
„Ich bin einen Meter zehn groß!“, entrüstete sich Moni. „Und wenn ich ein Großvater bin, fresst ihr mich nicht, weil ich altes Fleisch bin.“ Der Wolf nickte. „Ich verstehe deine Sorgen. Ich habe ein wenig Angst vor meinen Eltern, denn sie haben mir verboten, mich mit den Menschen einzulassen. Ich kann dir also nichts versprechen. Es wird schon gut gehen. Komm, lass uns aufbrechen, es wird bald dunkel.“ Mit einer Kopfbewegung zeigte er die Richtung an und lief einfach los, ohne sich umzusehen, ob der Junge ihm folgte.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen